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Sirenengesang
oder
Warum darf eine Muse nicht naß sein?

geschrieben von der Mermaid of Millpond

Hello! Hast du mich also doch gefunden! Du bist wirklich eine Spürnase von Reporter, daß du mich im dunkelsten Pub von ganz Schottland gefunden hast. Du willst also die Wahrheit über meinen Erfolg wissen? Aye, ich erzähle sie dir. Bestell dir einen Whisky, oder was du sonst magst, und setze dich zu mir. Aber sei gewarnt: Du bist nicht der Erste, der diese Geschichte hört und wirst nicht der Letzte sein, der damit auf den Bauch fällt. Denn was ich dir zu erzählen habe, das kaufen dir weder Dein Redakteur, noch Deine Leser ab. Und meine Fans wollen es sowieso nicht glauben. Aber okay!

Also: Es begann alles damit, daß ich eines Tages am Strand, unweit meines Elternhauses saß und ziemlich verzweifelt war. Ich sah auf das Meer hinaus und ... was? Ich soll ganz von vorne anfangen? Aber das weiß doch sowieso fast jeder! Aye, also ganz von vorn:

Mein Name ist Duncan Mc Lean und ich begann meine Musik-Karriere vor drei Jahren in der damals wohl berühmtesten Teenie-Band der Welt. Ich kam in die Band, als sie gerade auf dem Höhepunkt ihrer Karriere war, weil der damalige Gitarrist ausgestiegen war, da er den Stress nicht mehr aushielt. Der Traum vom Weltstar dauerte ein knappes Jahr, dann nahm der Leadsänger sich das Leben und die Band zerfiel. Es gab noch ein paar Versuche, zu viert weiterzumachen, aber das waren nur noch die letzten Zuckungen.

Dann versuchte jeder, auf eigene Faust durchzukommen, aber die Fans hatten schon wieder neue Idole. Die Branche ist halt sehr schnellebig. Ich selbst tingelte mit ein paar alten Freunden durch Clubs und Bars, aber das war irgendwie reichlich entwürdigend. Ich war erst neunzehn und meine Freunde waren etwa im gleichen Alter. Wir spielten in drittklassigen Läden und zehrten vom Rest meines Ruhmes, wie von dem einer alten Filmdiva.

Ich wußte bald, daß wir so niemals auf einen grünen Zweig kommen würden und versuchte, wieder einen guten Manager für uns zu interessieren. Aber es war wie verhext! Unser alter Manager hatte seine Schäfchen ins Trockene gebracht und sich zwischen ihnen zur Ruhe gesetzt. Und die Leute, die uns managen wollten, stellten Bedingungen, die ich nicht eingehen wollte.
Probleme verursachte auch die Musik. Ich hatte zwar schon im Alter von dreizehn Jahren Songs geschrieben und komponiert, aber irgendwie kamen die bei den Leuten in den Clubs und bei den Leuten in den Plattenfirmen nicht so recht an. Und wenn ich ganz ehrlich bin, gefielen sie mir selbst auch nicht so recht. Einer der Plattenbosse, ein netter älterer Mann, half mir dann doch weiter. "Junge!", sagte er väterlich zu mir "Die Texte die du schreibst sind wirklich gut. Die passen zu balladenhaften Songs, nicht zu Disco-Musik. Mach andere Musik dazu, oder engagiere dir einen Komponisten, dann kann vielleicht etwas daraus werden!" Einen Komponisten! Wo sollte ich den denn herzaubern? Wer würde schon freiwillig mit mir Pechvogel zusammenarbeiten wollen?

Ich entschloß mich zu einer künstlerischen Pause, jedenfalls nannte ich mein Aufgeben damals so. Wir wohnen dicht am Meer und so ging ich viel am Strand spazieren. Stundenlang konnte ich auf einem Felsen sitzen und auf das Meer hinausschauen. Das gleichmäßige Auf und Ab beruhigte meine kribbeligen Nerven. Wenn die Wellen ruhig an den Strand rollten, fühlte ich mich, als wenn jemand mich umarmte, mir Geborgenheit und Sicherheit gab. Das Rauschen erschien mir wie Musik, die man nur mit der Seele hören konnte und manchmal, ganz flüchtig nur, glaubte ich eine Melodie daraus machen zu können."Du spinnst!", sagte ich mir. "Duncan, jetzt drehst du wirklich durch. Willst du etwa das Meer zu Deinem Komponisten machen?" Aber aus dieser fixen Idee wurde eine reale. Ich nahm fortan meine Gitarre und reichlich Notenpapier mit an den Strand und versuchte, meine Empfindungen in Töne umzuwandeln. Aber viel mehr als Musik zum Meditieren wurde nicht daraus.

Ich war wieder einmal nahe daran aufzugeben, als ich eines Tages das Mädchen bemerkte. Ich weiß nicht, wie lange, oder wie oft sie vielleicht schon da gewesen war. Sie hatte die Arme verschränkt auf die sonnenwarmen Felsen gelegt und das Kinn auf ein Handgelenk gestützt, so wie man sich am Rand eines Schwimmbeckens aufstützt. Nur war der Rand dieses "Schwimmbeckens" wie ich wußte sehr schroff und jetzt, bei Ebbe, fast drei Meter hoch. Völlig verblüfft starrte ich sie an und wollte sie gerade ansprechen, als sie bemerkte, daß ich sie gesehen hatte und, einen erschreckten Laut ausstoßend, losließ. Noch bevor ich die Kante erreicht hatte, hörte ich sie ins Wasser platschen und als ich über den Rand sah, schwamm sie um die Felsen herum außer Rufweite. Es schien ihr nichts passiert zu sein, trotzdem machte ich mir Sorgen. Schließlich war das ja ein reichlich ungewöhnliches Verhalten...

Am nächsten Tag schielte ich immer verstohlen zu der Stelle hin, an der gestern das Mädchen aufgetaucht war - aber sie ließ sich nicht blicken. Es wurde langsam Abend. Die Sonne versank rubinrot im Meer und ich versuchte gerade zum dreißigsten und letzten Mal, den Refrain meines Liedes hinzubekommen, als plötzlich eine leise, aber wunderschöne Stimme die Melodie aufgriff und fortführte. Ich sah auf, und da war das Mädchen von gestern wieder. Ich wagte nicht, mich zu rühren, aber nach einer schier endlosen Zeit sagte ich vorsichtig: "Du hast eine wunderschöne Stimme!" Sie lächelte mich schüchtern an und meinte entschuldigend: "Du sahst so traurig aus, weil die Melodie dir nicht gelingen wollte. Ich dachte, ich könnte dir vielleicht helfen!" "Oh, das hast du!", entgegnete ich. "Ich verbringe schon den ganzen Nachmittag nur mit dem Refrain!"

"Ich weiß!", lächelte sie. "Ich höre dir schon eine ganze Weile zu!" "Wirklich?" Ich war erstaunt und fühlte mich auf unangenehme Weise ertappt. Herrje, dann hatte sie das ganze Geklimper mitbekommen. "Sag' mal", begann ich behutsam "ist das nicht gefährlich, auf diesen schroffen Felsen zu stehen? Du könntest hinunterfallen und dir wehtun!"

("So ein Blödsinn!", schalt ich mich selbst. "Sie ist doch gestern schon dort hinuntergesprungen!") "Soll ich dir hinauf helfen?", fragte ich. Sie zuckte zurück. "Oh nein, bitte nicht, du darfst nicht näher kommen!", bat sie. "Warum nicht?", fragte ich erstaunt. "Was hast du denn? Hast du Angst vor mir? Ich tue dir nichts. Ganz bestimmt nicht!"
Sie schlug die Augen nieder. "Es ist, weil... also... ich..." Schließlich gab sie sich einen Ruck. "Ich habe nichts an!", flüsterte sie. "Du darfst nicht gucken!" Ich war etwas erstaunt. "Hast du keinen Badeanzug oder so ähnlich?", fragte ich überflüssigerweise. (Mein Gott Duncan, wie dämlich!!!)

Sie suchte offensichtlich nach einer Antwort. "Wir haben bei uns zuhause nicht viel zum Anziehen!", gestand sie schließlich. "Und zum - Schwimmen tragen wir gar nichts!" "Ach so, davon kenne ich mehrere Leute!", beruhigte ich sie. Das stimmte tatsächlich. Die Kinder aus dem Fischerdorf weiter unten trugen meistens Sachen, die die Bezeichnung Kleider eigentlich nicht mehr verdienten; und die zogen sie zum Schwimmen natürlich aus. Allerdings hätte ich das Mädchen nicht mehr als Kind bezeichnet. Ich schätzte sie ein oder zwei Jahre jünger als mich, aber ich zweifelte daran, daß sie aus dem Fischerdorf war. Ich glaubte zumindest alle etwa Gleichaltrigen dort zu kennen.

"Bist du neu hier?", fragte ich. "Ich habe dich hier noch nie gesehen!" "Nein, ich wohne schon immer hier, nur ich war noch nicht oft in dieser Gegend. Aber im Gegensatz zu dir habe ich dich schon oft gesehen. Doch dann hast du mich wohl nicht bemerkt!" Sie lächelte wieder auf diese geheimnisvolle, hintergründige Art. Über irgend etwas amüsierte sie sich. Es war so, als freue es sie, daß sie etwas wußte, was ich nicht wußte.

Schließlich war die Sonne ganz untergegangen und sie verabschiedete sich. "Ich muß nach Hause!", sagte sie einfach und löste sich von den Felsen. "Halt!", bat ich. "Einen Moment noch. Kommst du wieder? Und wie heißt du überhaupt? Sag mir doch wenigstens deinen Namen!" "Meinen Namen?", fragte sie mißtrauisch. Sie hielt inne und sah mich erstaunt an. "Wozu willst du den wissen?" "Na, ich muß dich doch irgendwie anreden!", entgegnete ich erstaunt. "Ach so!", entgegnete sie sichtlich erleichtert.
Was war nur los mir ihr? Einen Moment lang schien sie meine Frage völlig vergessen zu haben, denn sie sah sich fast suchend am Strand um. Als sie mich wieder ansah, lächelte sie schelmisch. "Ich bin Sandy!", erklärte sie. "Sandy Mc Damp.Und morgen komme ich wieder und helfe dir bei deiner Musik!" Ein Winken, ein Platschen und weg war sie.

Nachdenklich ging ich nach Hause und vergaß vor lauter Überlegen fast, die Melodie aufzuschreiben. Erst kurz vor dem Schlafengehen fiel mir das Versäumte wieder ein und mit einem Satz sprang ich aus dem Bett und kritzelte die Noten schnell auf ein leeres Notenblatt. Merkwürdig! Ich hatte ihre Melodie nur ein einziges Mal gehört und war danach von ihrer Person abgelenkt gewesen. Trotzdem hatte ich nicht einen einzigen Ton vergessen. Es war, als ob die Melodie noch immer in meinem Ohr klang. Oder war es in meinem Gedächtnis? Oder in meinem Herzen? Ich wußte es nicht. Ich wußte nur, daß sie noch da war und ahnte, daß sie immer da sein würde.

Als ich am nächsten Tag zum Strand ging, nahm ich ein großes Strandlaken mit. Sandy kam am späten Vormittag. Wie am Tag zuvor, war sie ganz plötzlich da. Sie spähte über den Felsenrand und summte die Melodie von gestern. Das heißt, Summen war eigentlich nicht das richtige Wort. Es war eigentlich mehr ein "La!" oder ein "Ah!". Ich sah auf und lächelte ihr zu. "Ich habe dir ein Badetuch mitgebracht!", sagte ich und warf es ihr zu. "Du kannst doch nicht die ganze Zeit so da stehen. Du mußt dich abtrocknen, sonst erkältest du dich!" "Abtrocknen?" Sie rümpfte die Nase und schien wenig begeistert. "Abtrocknen!", entgegnete ich fest. "Außerdem fährt dort unten um diese Zeit oft ein Boot vorbei!"

Das wirkte! Mit einem Quietschen griff sie nach dem Tuch. Ich drehte ihr den Rücken zu und als sie mir erlaubte, mich wieder umzudrehen, saß sie in das Tuch gewickelt unweit der Kante. Irgendwie schien das Badetuch ihr nicht geheuer zu sein, denn sie beäugte es äußerst mißtrauisch. Auch hätte ich, wenn ich ein Mädchen gewesen wäre, eher mein Dekolleté als meine Beine verhüllt, aber das war ja ihre Sache.

Jetzt hatte ich Zeit, sie näher zu betrachten. Sie war wirklich sehr hübsch. Das hatte ich gestern in der Abenddämmerung und vorgestern bei dem einen flüchtigen Blick gar nicht richtig gesehen. Ihr Haar war silberblond und reichte bis zu den Hüften. Es hatte keinen richtigen Schnitt, sondern fiel einfach glatt über ihre Schultern, wurde aber von einer Kette aus bunten Schneckengehäusen aus dem Gesicht gehalten. Ihre Gestalt war zierlich und, soweit ich das in ihrer sitzenden Position beurteilen konnte, nicht sehr groß. Ihre Augen waren blaugrün und sehr groß.

"Ich durfte mich ja noch gar nicht vorstellen!", nahm ich die Unterhaltung wieder auf. "Mein Name ist Duncan Mc Lean und ich bin Musiker!" "Daß du Musik machst, weiß ich doch!", entgegnete sie ganz ernsthaft. "Ja, aber ich verdiene damit mein Geld. Jedenfalls versuche ich es - wenn auch im Augenblick wieder recht erfolglos!", erklärte ich ihr. Sie sah mich etwas verständnislos an und so erklärte ich ihr die ganze Geschichte. Daß die Band in der ich gespielt hatte weltberühmt gewesen war verschwieg ich lieber. Erstens wollte ich nicht angeben (so stolz war ich inzwischen auch nicht mehr darauf) und zweitens wollte ich sie nicht verschrecken. Aber sonst erzählte ich ihr alles haargenau. Einige Male hatte ich den Eindruck, daß sie nicht alles verstand, aber sie hörte mir aufmerksam zu und meinte dann: "Also, wenn ich dich richtig verstanden habe, brauchst du jemanden, der dir Melodien zu deinen Gedichten macht, damit richtige Lieder daraus werden. Wenn du willst, mache ich das!"

"Das würdest du wirklich machen?" Ich war Feuer und Flamme. Wenn sie wirklich so wunderschöne Melodien einfach so aus dem -äh - Handtuch schüttelte... "Dann treffen wir uns aber an einem nicht so gefährlichen Ort!", schlug ich vor. "In einem Café oder..." "Nein!", wehrte sie ab. "Das geht nicht. Wir können uns doch immer hier treffen. Vorsingen kann ich dir doch auch hier, oder?"

Ich war wieder einmal erstaunt. Warum hatte sie Angst, sich mit mir woanders zu treffen? "Haben Deine Eltern etwas dagegen, wenn du mit jemandem ausgehst?", versuchte ich vorsichtig an sie heranzukommen. Sie nickte und einen Moment war wieder dieses wissende Lächeln da. "Genau so ist es!", bejahte sie. "Ich darf mich eigentlich nicht mit Fremden unterhalten. Sie halten das für zu gefährlich. Sie meinen, ich wäre noch zu jung und wisse nicht, was alles passieren könne. Sie machen sich halt Sorgen um mich. Irgendwie verstehe ich das schon. Na ja", sprudelte sie weiter. "Dann laß uns mal anfangen. Was soll ich singen?" "Keine Ahnung!", antwortete ich. "Fang einfach irgendwo an. Sing, was dir so einfällt!" "Was mir einfällt?" Wieder dieses Lächeln. Aber dann begann sie doch zu singen. Traurig und sehnsüchtig war die Melodie und völlig anders als alles, was ich bis dahin gehört hatte. Ich war verzaubert und fühlte mich wie in Trance.

Urplötzlich brach der Gesang ab und ich merkte, daß ich wohl aufgestanden und zu ihr gegangen sein mußte, denn ich stand nur einen Schritt vor ihr. Sie hatte aufgehört zu singen, weil ich wohl fast über sie gestolpert wäre. "Verzeih mir!", bat sie leise und sah zu Boden. "Ich wollte es nicht. Es kam einfach so. Ich..." "Hey", unterbrach ich sie. "Was wolltest du nicht? Du hast doch gar nichts getan!" Ich ging vor ihr in die Hocke, um ihr in die Augen sehen zu können, verlor etwas das Gleichgewicht und versuchte, mich mit einer Hand abzustützen.

Ja - und dabei ist es dann passiert. Ich zupfte etwas an dem Handtuch und es rutschte von ihren Füßen - zumindest von der Stelle, an der ich Füße vermutet hätte. Aber was dort in der Sonne glänzte war die Schwanzflosse eines Fisches, hellgrün und perlmuttern schimmernd. Ich war völlig verblüfft. "Eine Meerjungfrau!", bemerkte ich schließlich. Und dann wurde mir einiges klar. "Du bist eine Sirene!" Sie nickte traurig und rutschte zum Rand. "Leb wohl!", sagte sie leise. "Sie hatten recht, es kann nicht gutgehen!" "Halt, warte!" Ich bekam sie kurz vor der Flosse zu fassen und hielt sie fest. So schnell ließ ich mein Glück nicht wieder im Meer untertauchen.

"Was kann nicht gut gehen? Du bist eine Meerjungfrau und ich weiß das jetzt. Meinst du das ändert etwas? Überhaupt nicht. Im Gegenteil. Ich weiß jetzt, woran ich bin, du mußt dir nicht ständig Ausreden ausdenken und ich kann dich beschützen, sollte es einmal brenzlig für dich werden, denn daß dich eigentlich niemand sehen darf, ist mir jetzt mehr als klar!" Ich redete pausenlos auf sie ein, wie auf ein verschrecktes Kind und schließlich gab sie nach und erzählte mir, wie einsam sie sich dort unten manchmal fühlte und wie langweilig es dort sei. So war sie eines Tages zur Küste geschwommen und hatte angefangen, die Menschen zu beobachten. Und an einem dieser Tage hatte sie mich gesehen und meine Gitarrenversuche gehört. Ihre hochmusikalischen Ohren hatten das Geklimper dann einfach nicht mehr ertragen können.

"Meinst du, daß wir trotzdem zusammen Musik machen können?", fragte sie hoffnungsvoll. "Es würde mir so viel Spaß machen!" "Aber natürlich können wir das!", beruhigte ich sie. "Nur sag' mal, wie soll ich dich denn bezahlen? Normalerweise bekommt jemand der Musik verkauft nämlich Geld dafür. Aber was willst du im Meer mit Geld anfangen?" Sandy lachte. "Keine Ahnung. Es würde vermutlich aufweichen oder verrosten. Bring' mir doch einfach etwas Hübsches für mein Haar mit. Davon kann unsereins nämlich nie Genug haben!" Ich nickte. "In Ordnung, wenn dir das genug ist!"

Plötzlich fiel ihr noch etwas ein: "Daß die Melodien von mir sind, muß doch eigentlich niemand wissen. Sag' doch einfach, sie seien von dir!" "Nein, auf keinen Fall!", wehrte ich ab. "Ich schmücke mich nicht mit fremden Federn. Außerdem: Stell dir doch bloß 'mal vor, ich sollte etwas komponieren und könnte aus irgend einem Grund nicht hierher kommen! Nein, nein. Ich gebe dich als Komponisten an!" Ich hielt inne, stutzte und plötzlich klingelte es bei mir. "Du sandiges, feuchtes Etwas!", neckte ich sie. Sie lachte auch. "Erwischt!"

Ja, das war der Beginn unser Freundschaft und unserer Zusammenarbeit. Ich ging zu der Plattenfirma, bei der der ältere Herr mich so gut beraten hatte und nahm meine erste Solo-Platte auf. Sie wurde ein voller Erfolg und ich bekam meine erste Goldene Schallplatte.
Wie du weißt, bin ich heute ein Star. Die Kritiker bescheinigen meinen Songs eine gewisse hypnotische Anziehungskraft, die jeden in ihren Bann schlägt, egal welche Musikrichtung er bevorzugt.

Inzwischen konnte ich mir sogar ein eigenes kleines Haus am Strand kaufen. Es war früher einmal eine Seeräuberschänke und hat einen unterirdischen Zugang zum Meer, durch den früher Schnaps und Piraten hinein und hinausgeschmuggelt wurden. Heute kann Sandy dort kommen und äh - schwimmen wie sie will. In einem Raum dort unten hat sie ein ganzes Lager von Haarspangen, -reifen, -bändern und auch Ohrringen, Ketten, Armbändern usw. angelegt, die ich ihr im Laufe der Zeit geschenkt habe. Denn Zuhause würden ihre Familienmitglieder sich schnell über den ganzen Schatz wundern.

Ich habe ihr auch ein paar Kleider gekauft und sie hatte viel Spaß beim Anprobieren, denn normalerweise tragen Meerjungfrauen ja natürlich gar nichts. Und eines Tages (bevor ich berühmt war) konnte ich mir den Rollstuhl eines Freundes leihen, der nach einem Motorradunfall beide Beine im Gips gehabt hatte. Wir machten einen Stadtbummel und Sandy staunte einfach über alles, was ja auch zu erwarten war. Manches machte ihr Angst und ich mußte stundenlang alles haargenau erklären. Es war aufregend und wunderschön für uns beide.

Ich weiß nicht, wie es weitergehen wird. Manchmal glaube ich, in sie verliebt zu sein und dann meine ich wieder, daß es einfach ihre sirenenhafte Anziehungskraft ist. Aber darüber zerbreche ich mir nicht den Kopf. Es wird kommen, wie es kommen muß. Sandy wird sich bald ganz von ihren Eltern lösen und ob sie dann ganz bei mir wohnt, oder mich weiterhin nur besucht, werden wir sehen.

Komm' mich ruhig einmal in meinem Haus besuchen, erwarte aber nicht, Sandy zu sehen. Sie verschwindet durch die Falltür, sobald sie ein verdächtiges Geräusch hört. Und glaube nicht, du könntest uns einmal am Strand überraschen. Seejungfrauen können wie Schützenfische den Strand beobachten, selbst wenn sie noch ein paar Meter unter Wasser sind.

Du kannst das von mir aus für einen Publicity-Gag halten, wenn du willst. Das tun alle. Aber das ist mir lieber, als wenn sie gefangen wird. Niemand wird sie jemals fangen, solange ich da bin, um sie zu beschützen. Aber hören kann jeder sie. Auf meiner nächsten Platte singt sie im Hintergrund mit. Hör' dir die Platte an und laß' dich verzaubern - vom Sirenengesang...

Mermaid of Millpond, März 1990


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