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A, WIE NIXE
geschrieben von meinem Vater


Eine Geschenkgeschichte die eines Tages ganz still und heimlich angeschwommen kam und sich bei meiner Tochter Alice heimisch nieder ließ.

Ich weiß nicht genau, wann mir der Tümpel das erste Mal aufgefallen ist. Es muß wohl im Frühling gewesen sein. Ich sah mir die Wiese und den angrenzenden Wald an, der bald hinterm Haus beginnt. Ja, es muß Frühling gewesen sein, denn da fiel mir diese etwas größere Lacke zum ersten mal so richtig auf. Es waren noch keine Blätter auf den Bäumen und die Pfützen hatten immer noch ganz dünne Häute aus Eis übergezogen. Das Gras war auch noch gefroren und knirschte unterm Schuh. Irgendeine Pfütze, wo kommt die denn her ... und vergaß sie.

Wochen später war der Frühling schon am arbeiten und sproß, grünte und blühte, daß es nur so eine Freude war, die Erde war aufgegangen und dampfte unter einer goldenen warmen Sonne. Da stolperte ich wieder über diese Lacke, jetzt war sie allerdings schon etwas größer. Ich blieb stehen und betrachtete sie. "Nanu" überlegte ich, "geht da eine Quelle auf?" Aber kein noch so kleines Wellchen zerstörte seine spiegelige Oberfläche.

Bei der nächsten Besichtigung war es keine Lacke oder Pfütze mehr, sondern dieses Wasser hatte sich zu einem kleinen Tümpel herausgemausert. Ich stocherte mit einem abgebrochenen Ast darin herum, in der Annahme er sei ganz seicht, denn das Wasser war klar aber schwarz, und der Grund war nicht zu sehen. Nach dem ich den Ast und auch meinen Arm bis zur Achsel im Wasser verschwinden sah, wunderte ich mich auch nicht, daß man den Boden nicht sah. "Eigenartig", ging es mir durch den Kopf "erst klein und seicht, dann groß und tief, und alles von alleine." Ich nahm mir vor, dieses Wasserrätsel im Auge zu behalten.

Die nächste Zeit geschah nichts, es wurde nicht größer und auch nicht tiefer, zumindest konnte ich nichts feststellen. Das einzige war, daß sich Gras und Blumen am Rand niederließen und nur so wucherten. "Das wäre ein Wasser zum Blumengießen, die wachsen da besonders gut!" dachte ich bei mir und nahm mir vor, das nächste mal mit einer Gießkanne zu kommen und etwas von diesem Wasser auszuschöpfen. Doch dazu sollte es nicht kommen.

Es dauerte eine Weile, bis ich wieder zu der Stelle mit dem Tümpel kam, bewaffnet mit einer Kanne und dem Vorsatz, Wasser mitzunehmen. Die Umgebung hatte sich total verändert. Der Tümpel hatte sich zu einen Weiher herausgewachsen und das schönste daran waren die vielen Pflanzen die im und am Wasser wuchsen und blühten. Ich blieb vor Staunen stehen, ich war doch vor gar nicht so langer Zeit hier gewesen und da war von dem allen noch nichts zu sehen.

Plötzlich wurde mir die Kanne in der Hand bewußt, also kniete ich mich nieder, um sie mit Wasser zu füllen. Fest drückte ich sie unter die Oberfläche um sie vollrinnen zu lassen, da ertönte eine Stimme: "Das ist aber nicht nett mir mein Vorzimmer zu zerstören!" Ich erschrak und riß die Kanne aus dem Wasser. "Autsch, nicht so heftig, daß tut weh, paß doch auf du grobes ungeschlachtes Wesen Mensch. Müßt ihr bei allem was ihr tut so grob herumwirbeln?"

Ich glaubte mich trifft der Schlag, wer sprach da mit mir?

Ich sah mich um und entdeckte niemanden. Weit und breit keine Menschenseele, nur der Verkehr der nahen Straße tönte herüber. Ein silberhelles Lachen ließ mich aufschrecken und ein Stimmchen, das rief: "Da bin ich, die du suchst, im Wasser du Dummchen!" Ich schaute hinunter zu meinen Füßen von wo die Stimme herzukommen schien. Nichts ... als mich ein Plätschern mitten im Weiher ablenkte. "Trampelst du immer ohne anzuklopfen in fremde Wohnungen hinein?"

Mein Blick suchte das Irgendetwas zu dieser Stimme und wurde fündig. "Nein, das gibt es nicht!" stammelte ich überrascht. Wieder das glockenhelle Lachen. "Bin ich vielleicht ein Nichts?" Nein, es war wirklich kein Nichts, es war ... nun es war, so schwer es auch fiel ... es war eine Nixe, oder was man sich halt so unter einer Nixe vorstellte. Zierlich klein, zart und zerbrechlich, naß und nackt, zumindest bis zur Taille. Hellbraune nasse lange Haare und große grüne Augen, fielen als erstes auf. Eine kleine gerade Nase über einen lachenden Mund, einen mit grünen Lippen. Kleine feste Brüste mit grünen Nippeln streckten sich unternehmungslustig heraus. Die Hände hatte dieses Wesen ausgestreckt und es schien, als ob es sich auf der Wasseroberfläche abstützen würde.

"Nun schau nicht so, gefalle ich dir nicht?" fragte sie mich, der ich immer noch wie versteinert am Rand des Wassers stand. "Wie? Oh, ja natürlich!" brachte ich heraus - wer hat schon die Gelegenheit mit einer Nixe zu sprechen. "Was, ja natürlich? Ja oder nein?" zwitscherte das Stimmchen. "Gefall ich dir, oder nicht"?

Langsam hatte ich mich gefangen und versuchte, zusammenhängende Sätze zu bilden, um Antwort zu geben. Die ganze Zeit betrachtete ich dieses Wunderwesen und war entzückt. Es gab eine Nixe, und sie sprach mit mir! "Wie kann so etwas sein?" fragte ich, "Voriges Jahr war da noch nichts und jetzt ist da ein Teich mit einer Nixe drinnen? Wie kommt das, wo kommt das her?"

Wieder lachte das Geschöpf. "Es und ich, wir sind gewachsen." kam die Entgegnung. "In der Erde und im Wasser lag der Ursprung, und da und jetzt wollte es sein. Ich bin so glücklich, daß es hier ist, wo man leben kann, und nicht irgendwo, wo mein Wasser gleich stirbt." "Du meinst es kann überall passieren?" fragte ich. "Es passiert immer und überall, nur gibt es wenige Stellen, wo die Frucht aufgeht und wir zu Leben kommen. Ich hatte Glück und mein Ursprung fiel auf diese gute Erde."

Ich nickte, doch ich verstand überhaupt nichts. Langsam setzte ich meine Kanne ab und hockte mich nieder, um näher an dieses Wesen heranzukommen. "Ah," sagte sie "jetzt kann er vorsichtig sein! Paß auf beim Wasser, sonst bringst du mir mein Zimmer durcheinander!" und wieder lachte sie. "Voriges Jahr ..." kam ich auf mein Problem zurück "Voriges Jahr war da überhaupt nichts, und jetzt ist da ein Teich mit einer Nixe drin." sagte ich. "Ich verstehe das nicht, ist das Zauberei?" Sie schüttelte ihren Kopf, daß die Haare nur so flogen und das Wasser spritzte. "Nein es ist Natur und spielt sich überall ab, nur ihr seht es nicht mehr und vor allem laßt ihr uns keinen Platz in eurer Welt. Ich habe, wie schon gesagt, großes Glück gehabt. Ich kann leben, solange mein Teich lebt" setzte sie hinzu, wehmütig wie mir schien.

"Schau." sagte sie, und kam näher an den Rand. Jetzt sah ich das sie wirklich einen an einen Fischkörper mahnenden Unterkörper hatte. Genau war es nicht auszumachen, da sie ihn immer schnell bewegte und die Wellen stark glitzerten. "Schau, der Ursprung ist überall. Hier fiel ein richtiger Tropfen Wasser auf ein richtiges Stück Erde, und das war alles. Früher geschah das oft, doch jetzt fast nicht mehr." setzte sie traurig hinzu. Um dann munter wie Wassergeplätscher weiter zu erzählen. "Sie fühlten, das war der richtige Ort und die richtige Zeit und beschlossen miteinander zu wachsen und ich wuchs mit. Erst wurde mehr Wasser, weil Wasser brauche ich zum leben und weil das Wasser Platz brauchte wuchs die Erde und machte ein tiefes Loch für meine Wohnung. Doch von dem wußte ich nichts da schlief ich noch und wurde. Die Erde und das Wasser sind wie bei euch Mutter und Vater. Jedenfalls schlief ich tief unten und in dieser Zeit wurde mein zu Hause, mein Teich, mit all seinen Tieren und Pflanzen". "So schnell?" wendete ich ein "Normalerweise braucht doch so etwas viel länger!" "Was ist lange, und was ist kurz? Das sind doch nur Begriffe von euch Menschen. In der Natur lief immer alles so ab wie es gerade gebraucht wurde. Ihr Menschen habt das, glaube ich, auch kaputt gemacht." Sie lächelte leise und kam noch näher ans Ufer. "Du bist aber eine Ausnahme, sonst könnte ich mit dir nicht reden".

"Irgendwann," fuhr sie fort "als es an der Oberwelt wärmer wurde erwachte ich und war. Ich mußte mich erst zurecht finden und mich um mein Heim kümmern. Es mußte alles ins Gleichgewicht gebracht werden, es mußten gleich Wasser und gleich Erdwesen sein und alles mußte in Einvernehmen leben, mit mir. Ich war gerade fertig und fing an mich wohlzufühlen als du kamst und mir ohne Anzuklopfen das Vorzimmer durcheinander brachtest. Sinngemäß natürlich." fügte sie mit einem wunderhübschen Augenaufschlag hinzu.

Inzwischen war die Sonne höher gestiegen und mein Blick auf die Uhr gemahnte mich, daß ich auch noch anderes zu tun hätte. Es gab noch so vieles zu fragen und zu erfahren von diesem wunderbaren Wesen, das es eigentlich nicht geben gar nicht durfte.

"Ich muß gehen." sagte ich mit einen Blick zum Himmel hinauf. "Kann ich wiederkommen und werde ich dich wiedersehen?" Sie lachte ihr glockenhelles Lachen und klatschte in ihre Hände, die doch Schwimmflossen zwischen den Fingern hatten, wie ich jetzt sah. Es spritzte recht ordentlich. "Ihr großen, groben Menschen müßt es immer eilig haben und vergesst zu leben. Wir können morgen wenn die Sonne scheint weiter plaudern. Deine Gesellschaft ist viel angenehmer als die von meinen Freunden da." Sie machte eine weit ausholende Handbewegung.

"Aber," sie zeigte mit ihren kleinen Händen auf mich und streckte ein Fingerlein aus "wie heißt du?" Ich blieb stehen und nannte ihr meinen Namen, überrascht, daß sie danach fragte. " Ich will es wissen mit wem ich morgen reden werde, und du fragst wenn du gehst gar nicht nach dem meinen! Nein, sag nichts, wenn du morgen wiederkommst klopfe leise auf das Wasser und ich werde dich hören und kommen." Sie sprang aus dem Teich hoch in die Luft, ein glitzernder wunderschöner kleiner Körper und war, bis auf ein Paar sanfter Wellen, verschwunden. Eine Weile stand ich noch da und ließ diese unwirkliche märchenhafte Stimmung auf mich einwirken, dann drehte ich mich um und ging mit meiner Gießkanne Richtung Haus.

Nach einigen Schritten vernahm ich hinter mir noch einmal ihre Stimme, sie rief mir zu "Meinen Namen sollst du auch wissen, ich bin eine Nixe und heiße Alice"!


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